Lyriost – Madentiraden – www.lyriost.de

Freitag, 29. Dezember 2006

Politur

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 9.41

Scheinheiligenscheinpolitur

Seit Jahren schon will ich Politur kaufen für den fremdbeleuchteten pseudoreligiösen Kopfschmuck, der bei mir längst Grünspan angesetzt hat, weil ich ihn, obgleich ein Geschenk von höchster moralischer Instanz, weil ich ihn nicht trage, nicht einmal wie andere ihre Orden und Verdienstkreuze, also zu besonderen Anlässen.

Nun liegt er seit Jahren neben dem alten Katzenkorb, dem die Katzen ausgegangen sind, und gilbt und grünt vor sich hin. Und ich denke jedes Jahr: Du solltest ihn verschenken, ehe er brüchig wird. Aber nicht so angegangen, wie er ist. Und ich weiß dieses Jahr, ohne lange zu überlegen, wie selbstverständlich schon, wem er vor allen zukommt: dem noblen Trommel-Günter – als Ersatz fürs angedepperte In-Kupfer-auf-Stein.

Also Politur kaufen. Gibt keine passende. Jedesmal dasselbe: in rauhen Mengen Heiligenscheinpolitur, aber keine Scheinheiligenscheinpolitur. Der Verkäufer sagt, das mache keinen Unterschied, alles glänze prima, und es habe sich noch nie jemand beschwert. Allerdings habe außer mir auch noch keiner der Herren den Scheinheiligen gespielt. »Und die Kopfkringel der Damen glänzen ja sowieso, ob mit oder ohne Politur«, sagt er.

Als der Verkäufer merkt, daß mit mir kein Geschäft zu machen ist, gibt er mir noch einen Geheimtip aus der Ökoecke: »Eselsmilch. Besser als alle Chemie«, grinst er.

Und ich denke bei mir, da hat er wohl recht. Denn Eselsmilch als Putzmittel für Scheinheiligenscheine, das leuchtet mir geradezu schmerzhaft klar ein.

Dienstag, 26. Dezember 2006

Ganzheitlichkeit

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.13

Esoterische Ganzheitlichkeit

»… So ist der Körper – ein Vehikel. Aber etwas Tieferes als der Körper ist da, etwas Höheres als der Körper ist vorhanden – etwas von der Totalität. Ein Fenster hat sich in die Ganzheit geöffnet.«

Als ich vor 40 Jahren in der Pubertät Plotin las mit seinen platonischen Vorstellungen vom Körper als Kerker der Seele, konnte ich das damals mühelos nachvollziehen und dem vehement beipflichten, stand ich doch mit meinem eigenen Körper wie die meisten Pubertierenden auf Kriegsfuß. Heute aber habe ich eine ganzheitliche Betrachtungsweise, und ich sehe den Körper eher als Verkörperung meiner und seiner selbst. Und wenn etwas klirrt und rattert, dann klirrt und rattert es bei mir selbst. Das auf jemand anderen zu schieben ist so einfach wie unoriginell. Und ein Beitrag zur Theorie der Schizophrenie. Wer das lebendige Seiende in Körper und Seele aufspaltet, ist von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise weit entfernt. Merkwürdig nur, daß die meisten der lauthals Ganzheitlichen dies nicht bemerken. Sie reden von Ganzheitlichkeit und verachten doch ihren Körper.
Und wer ganz genau hinschaut, der vermißt bei dieserart esoterischer Ganzheitlichkeit noch eines, was zur wirklichen Ganzheitlichkeit unbedingt dazugehört: den Geist.

Freitag, 22. Dezember 2006

Athaumasie

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 9.02

Athaumasie

Es sind nicht die Dinge oder Geschehnisse, die uns Angst machen, sondern unsere Meinung über sie. Die Dinge können wir im Kern nicht ändern, unsere Meinung über sie aber sehr wohl. So ist auch der Tod nur dann ein Problem, wenn wir ihn als Problem betrachten.

Was wir brauchen, ist eine athaumasische Betrachtungsweise, um zu der Meeresstille des Gemüts zu gelangen, die jeden Schrecken in sich aufnimmt, ohne mit ihm im Innern zu reagieren.

Es ist dann so, als fielen die Beunruhigungen des Lebens wie schmutzige Wassertropfen in einen Ozean.

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Sehnsucht

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 9.18

Sehnsucht

Sehnsucht ist eine, wenn nicht die Definition von Leben. Wer die Sehnsucht sterben läßt, ist schon weit auf dem Weg ins Dunkel, er verbrüdert sich mit dem Tod. Ein überflüssiger Akt, denn der Tod grinst im Bewußtsein seiner Macht über eine solche nutzlose Geste der Anbiederung.

Nodum in scirpo quaerere

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.02

Nodum in scirpo quaerere

All diese Verächter des Denkens, die nicht mitbekommen, daß es sehr vieler eigener und vor allem fremder Gedanken bedurfte, um sie auf den Weg zum Nichtdenkenwollen zu schicken. Ein nichtdenkender Mensch ist eine Contradictio in adjecto, ein Theoretiker des Nichtdenkens ist ein Weg-Weiser, der vergessen hat, die Narrenkappe des Denkenden abzusetzen. Also eher ein Unweiser.

Als könnte es einen weisen Theoretiker geben.

Scheitern

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.02

Scheitern

Scheitern kann nur, wer nicht gelernt hat, daß alle Zielvorstellungen relative Ziele sind und jederzeit ausgewechselt werden können. Und der, der sich keine Ziele setzt. Der stolpert täglich über sich selbst, ohne es zu merken.

Über das Latenzverhalten von Würmern

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.01

Über das Latenzverhalten von Würmern

Man ist immer wieder erstaunt, welche Schwachsinnigkeiten im wissenschaftlichen Terminologensandkasten zu finden sind. Ein Beispiel von der Uni Freiburg:

Lernen

Allgemein: Verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltensänderung eines Individuums durch Erfahrung führen. Vom Lernen abgegrenzt werden biologische und physiologische Vorgänge wie Wachstum, Ermüdung, Altern, Einwirkung von Pharmaka oder Verletzungen, die ebenfalls latente Verhaltensänderungen bewirken.

Solche terminologischen Unsauberkeiten deuten auf eine latente Hirnerweichung bei medizinischen Psychologen hin. Schon der in der Medizinterminologie übliche Terminus »Verhaltenslatenz« hat etwas Unsinniges, denn lebende Systeme zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich so oder so verhalten. Es besteht also immer eine Latenz. Darauf muß nicht extra hochtrabend hingewiesen werden. Immer besteht auch beim Menschen eine größere oder kleinere Latenz zur Veränderung. Bis der Sarg zugenagelt wird. Aber auch dann … kommen die Würmer.

Eine »latente Verhaltensänderung« aber ist der Gipfel der terminologisch-logischen Unsauberkeit. Vielleicht sind manchmal die Würmer zu früh dran und fangen schon mal im Gehirn an zu werkeln.

»Latente Verhaltensänderung« ist ein Widerspruch im Beiwort. Ist sie nur latent, ist es keine Verhaltensänderung, denn Änderung ist ein manifester Prozeß. Ist Veränderung aber manifest, ist sie nicht mehr latent. Wie es hier zu sein scheint.

Uni Freiburg

Uniwelsch

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.00

Uniwelsch

Besonders in Deutschland gibt es in der akademischen Sphäre eine ungebrochene Tendenz zur soziolektalen Verirrung, eine erhöhte Latenz zur terminologischen Flatulenz.

Über grüne und blaue Mäuse

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.59

Über grüne und blaue Mäuse

Nimmt einer in seiner meditativ gestützten Intuition grüne Mäuse wahr, dann sagt das etwas über seinen Farbsinn und die Art seiner Wahrnehmung aus, wenn ein anderer blaue sieht, gilt das gleiche. Über »kosmische Wahrheit« oder wie immer man das nennen mag, sagt beides nichts.

Wenn nun ein dritter sich hinsetzt und nach einiger Zeit grüne oder blaue Mäuse sieht, dann sagt das ebenfalls nichts über »kosmische Wahrheit«, sondern nur über dessen Farbsinn und dessen Art der Wahrnehmung und darüber, ob er sich mit Grünmaussehern oder mit Blaumaussehern identifiziert.

Und dann gibt es natürlich auch noch die weißen und die profanen grauen Mäuse und die mit gestreiften Hosenträgern, je nach Konfession und Esoterikgrad der Bildbetrachter. Und nicht zuletzt die zähe Volksmetaphysik der exoterischen Weltreligionen mit ihren spezifischen optischen Filtern.

Und die freiwilligen und unfreiwilligen Farbenblinden.

Der größte Teil von dem, was wir wahrnehmen, ist die Folge unserer unbewußten oder halbbewußten Entscheidung, was wir wahrnehmen wollen. 

Heidegger und die Sprache

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.58

Heidegger und die Sprache

»Was sich uns entzieht, zieht uns dabei gerade mit, ob wir es sogleich und überhaupt merken oder nicht. Wenn wir in den Zug des Entziehens gelangen, sind wir – nur ganz anders als die Zugvögel – auf dem Zug zu dem, was uns anzieht, indem es sich entzieht …«

Wenn man intuitiv kreisend die ontologische Differenz soseiend in ihrer Daßheit reproduzieren will, wie Heidegger das manchmal tut, dann kommen solcherart Sätze herausgesprudelt, vielmehr, sie werden herausgezogen. Das Erstaunliche ist nur, daß dabei nicht die Knöpfe von der Trachtenjacke abgesprungen sind, so daß Heidegger hätte hinterherrobben müssen, um die Knöpfe daran zu hindern, sich seiner Joppe dauerhaft zu entziehen, und jene wieder in seinen Besitz zu bringen.

Spott

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.57

Spott

Der trockene Spott ist das effektivste Antidoton allzu pathetischer Tiefschürfigkeit und das Gewürz, das dem tragischen Braten den letzten Schliff gibt. Das ist das offene Geheimnis des Erfolges von Samuel Beckett und Thomas Bernhard.

Sicherheitskräfte

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.56

Sicherheitskräfte

Je größer die Unsicherheit in einem Land ist, um so sicherer sind die Sicherheitskräfte dort die am kräftigsten sprudelnde Quelle der Unsicherheit, also Unsicherheitskräfte.

Taoismus

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.56

Taoismus

Der alte Taoismus ist zumindest in großen Teilen keine geignete Philosophie für junge Leute, sondern eher für unrüstige alte und rüstige, aber antriebsschwache junge Rentner, und deshalb besteht immer die Gefahr, daß er zur Rechtfertigungsideologie einer geriontokratisch organisierten und geprägten Gesellschaft wird.

Dienstag, 10. Oktober 2006

Der Weg ist das Ziel

Filed under: Gedanken, Lyriost Gedanken — lyriost @ 8.58

Schnittblumen

»Der Weg ist das Ziel«, sagte der Schnitter, und die Blumen nickten eifrig, nichts ahnend, nicht den Schmerz, nicht den Tod. Sie wußten ja nichts von ihrem Weg zu den Vasen und Mülltonnen.

Schnell warm, schnell kalt

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 8.55

Schnell warm, schnell kalt

Blutstropfen erhitzt
wenn winters Sonne erscheint
in warmen Farben.

Mantel nicht mehr benötigt
für etwa zehn Sekunden.

Über Selbstbilder

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 8.44

Über Selbstbilder

Nur wer sein Selbstbild regelmäßig in Frage stellt, gibt sich die Möglichkeit zu wachsen. Aber er sollte das Wachstum nicht zu ernst nehmen, weil sonst zu schnell ein neues wahnhaftes Selbstbild entsteht, das wiederum die Tendenz hat, sich zu verfestigen und weiteres Wachstum zu verhindern.

Sonntag, 8. Oktober 2006

Freitagskinder

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 4.47

Freitagskinder

Es gibt Menschen, die schaffen es mit traumwandlerischer Sicherheit, beim Griff in einen Korb mit Weintrauben die einzige faule zu erwischen, wenn sie nicht das Glück haben, eine verkümmerte unreife Frucht zu ergattern.

Das sind dieselben Menschen, die nicht mehr in indische Restaurants gehen, obwohl sie die indische Küche theoretisch sehr schätzen wegen deren Gewürzvielfalt. Wenn man nur nicht jedesmal beim ersten Bissen an eine Kardamomkapsel geriete …

Wunderbar, die Kirschtorte, so locker und nicht ein Kern, sagen alle unisono bei der Geburtstagsfeier, nachdem jeder mehrere Stücke davon verdrückt hat, während unser Freitagskind verschämt immer neue Muster mit seinen Kirschkernen gestaltet, obwohl er nur ein einziges Stück von der Torte gegessen hat.

Wer solche Erfahrungen macht, der lächelt wissend, wenn er hört, wie jemand Fischfilet bestellt, weiß er doch, daß es so etwas wie Fischfilet nur theoretisch gibt, aber nicht in der Praxis.

Das klingt nun alles nach Verlierer und Pechvogel. Aber so ist es nun auch wieder nicht, denn unser Freitagsmensch gewinnt jede Woche bei einer Veranstaltung, bei der die große Masse der Sonntagskinder Woche für Woche verliert: beim Lotto.

Vorausgesetzt, daß er nicht spielt.

Freitag, 6. Oktober 2006

Trendsetter

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 12.20

Trendsetter

Wer Trendsetter für sich selbst ist, der hat schon viel erreicht. Aber das ist leicht gesagt und nicht so einfach zu erreichen, wie es sich anhört.

Der Desperado

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 12.19

Der Desperado

Der Desperado schließt sich selber kraftvoll aktiv aus, macht sich selbst zum Outlaw, weil er sich ausgeschlossen fühlt oder Angst davor hat, ausgeschlossen zu werden, denn es gibt einen Teil in ihm, der sich, wie Harry Haller in Hesses »Steppenwolf« (Szene auf der Treppe) zur Leichtigkeit des Gewöhnlichen hingezogen fühlt. Wenn er sich selbst ausschließt, muß er sich nicht als Opfer fühlen, was, wie wir alle wissen, das Leben sehr erleichtert, auch wenn die Verhältnisse noch so schwierig sind. Aktiv zugrunde gehen ist allemal besser, als untergepflügt zu werden.

Montag, 25. September 2006

Schadenfreude und Grausamkeit

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 9.19

Schadenfreude und Grausamkeit

Die Schadenfreude ist die kleine Schwester der Grausamkeit, zahnlos und ohnmächtig. Genau das richtige Ventil für die Guten, Lieben und Netten, um ihrer auch ihnen selbst häufig verborgenen Neigungen Herr zu werden. Sicherlich ein brauchbares Ventil, um Schlimmeres zu verhüten.

Older Posts »

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.