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Donnerstag, 21. Dezember 2006

Tirade 93 – Tiehrhaw

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Tirade 93 – Tiehrhaw

Hat keinen Namen
Erkenntnis ist ein Ballspiel
kein Theaterstück

Wenn der Donner vergrollt ist
singt leise die Nachtigall

Tirade 94 – Verrätseltes Rätsel

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Tirade 94 – Verrätseltes Rätsel

So leer wie das Meer
die Flasche im Ufersand
der Wind spielt Fangen

und Sonne schreit wie ein Tier
Botschaft luftloser Lungen

Nodum in scirpo quaerere

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.02

Nodum in scirpo quaerere

All diese Verächter des Denkens, die nicht mitbekommen, daß es sehr vieler eigener und vor allem fremder Gedanken bedurfte, um sie auf den Weg zum Nichtdenkenwollen zu schicken. Ein nichtdenkender Mensch ist eine Contradictio in adjecto, ein Theoretiker des Nichtdenkens ist ein Weg-Weiser, der vergessen hat, die Narrenkappe des Denkenden abzusetzen. Also eher ein Unweiser.

Als könnte es einen weisen Theoretiker geben.

Scheitern

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Scheitern

Scheitern kann nur, wer nicht gelernt hat, daß alle Zielvorstellungen relative Ziele sind und jederzeit ausgewechselt werden können. Und der, der sich keine Ziele setzt. Der stolpert täglich über sich selbst, ohne es zu merken.

Über das Latenzverhalten von Würmern

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.01

Über das Latenzverhalten von Würmern

Man ist immer wieder erstaunt, welche Schwachsinnigkeiten im wissenschaftlichen Terminologensandkasten zu finden sind. Ein Beispiel von der Uni Freiburg:

Lernen

Allgemein: Verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltensänderung eines Individuums durch Erfahrung führen. Vom Lernen abgegrenzt werden biologische und physiologische Vorgänge wie Wachstum, Ermüdung, Altern, Einwirkung von Pharmaka oder Verletzungen, die ebenfalls latente Verhaltensänderungen bewirken.

Solche terminologischen Unsauberkeiten deuten auf eine latente Hirnerweichung bei medizinischen Psychologen hin. Schon der in der Medizinterminologie übliche Terminus »Verhaltenslatenz« hat etwas Unsinniges, denn lebende Systeme zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich so oder so verhalten. Es besteht also immer eine Latenz. Darauf muß nicht extra hochtrabend hingewiesen werden. Immer besteht auch beim Menschen eine größere oder kleinere Latenz zur Veränderung. Bis der Sarg zugenagelt wird. Aber auch dann … kommen die Würmer.

Eine »latente Verhaltensänderung« aber ist der Gipfel der terminologisch-logischen Unsauberkeit. Vielleicht sind manchmal die Würmer zu früh dran und fangen schon mal im Gehirn an zu werkeln.

»Latente Verhaltensänderung« ist ein Widerspruch im Beiwort. Ist sie nur latent, ist es keine Verhaltensänderung, denn Änderung ist ein manifester Prozeß. Ist Veränderung aber manifest, ist sie nicht mehr latent. Wie es hier zu sein scheint.

Uni Freiburg

Uniwelsch

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 3.00

Uniwelsch

Besonders in Deutschland gibt es in der akademischen Sphäre eine ungebrochene Tendenz zur soziolektalen Verirrung, eine erhöhte Latenz zur terminologischen Flatulenz.

Der kleine Buddha

Filed under: Gedanken — lyriost @ 2.59

Der kleine Buddha

Wenn einer lange genug unter einem westeuropäischen Baum sitzt, kann es sein, daß ihm ein Licht aufgeht und er bemerkt, daß es sich bei dem Baum nicht um eine Pappelfeige handelt, sondern etwa eine Eiche oder Buche – und daß es Sinnvolleres gibt, als jahrelang unter einem Baum zu sitzen, den man für einen Feigenbaum hält, obwohl an den Zweigen ersichtlich keine Feigen hängen.

Wahrscheinlicher aber als der plötzliche innere Lichteinfall ist, daß dem Sitzenden ein Ast auf den Kopf fällt – oder der ganze Baum.

Über grüne und blaue Mäuse

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.59

Über grüne und blaue Mäuse

Nimmt einer in seiner meditativ gestützten Intuition grüne Mäuse wahr, dann sagt das etwas über seinen Farbsinn und die Art seiner Wahrnehmung aus, wenn ein anderer blaue sieht, gilt das gleiche. Über »kosmische Wahrheit« oder wie immer man das nennen mag, sagt beides nichts.

Wenn nun ein dritter sich hinsetzt und nach einiger Zeit grüne oder blaue Mäuse sieht, dann sagt das ebenfalls nichts über »kosmische Wahrheit«, sondern nur über dessen Farbsinn und dessen Art der Wahrnehmung und darüber, ob er sich mit Grünmaussehern oder mit Blaumaussehern identifiziert.

Und dann gibt es natürlich auch noch die weißen und die profanen grauen Mäuse und die mit gestreiften Hosenträgern, je nach Konfession und Esoterikgrad der Bildbetrachter. Und nicht zuletzt die zähe Volksmetaphysik der exoterischen Weltreligionen mit ihren spezifischen optischen Filtern.

Und die freiwilligen und unfreiwilligen Farbenblinden.

Der größte Teil von dem, was wir wahrnehmen, ist die Folge unserer unbewußten oder halbbewußten Entscheidung, was wir wahrnehmen wollen. 

Berliner Sinfoniker

Filed under: Lyriost Gedichte — lyriost @ 2.59

Berliner Sinfoniker

Am frühen Morgen
tastet sich das Licht
durch all die Löcher
in den trüben Mauern
die müden Straßen
schminken ihr Gesicht
und auf den Wegen
schwanken Punkte
im Bedauern
Maschinen husten sich
beherzt ins Freie
die Luft schwillt an
wird immer enger
bald tanzt kein Ton
mehr aus der Reihe
und auch die
Schatten werden

Heidegger und die Sprache

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.58

Heidegger und die Sprache

»Was sich uns entzieht, zieht uns dabei gerade mit, ob wir es sogleich und überhaupt merken oder nicht. Wenn wir in den Zug des Entziehens gelangen, sind wir – nur ganz anders als die Zugvögel – auf dem Zug zu dem, was uns anzieht, indem es sich entzieht …«

Wenn man intuitiv kreisend die ontologische Differenz soseiend in ihrer Daßheit reproduzieren will, wie Heidegger das manchmal tut, dann kommen solcherart Sätze herausgesprudelt, vielmehr, sie werden herausgezogen. Das Erstaunliche ist nur, daß dabei nicht die Knöpfe von der Trachtenjacke abgesprungen sind, so daß Heidegger hätte hinterherrobben müssen, um die Knöpfe daran zu hindern, sich seiner Joppe dauerhaft zu entziehen, und jene wieder in seinen Besitz zu bringen.

Spott

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.57

Spott

Der trockene Spott ist das effektivste Antidoton allzu pathetischer Tiefschürfigkeit und das Gewürz, das dem tragischen Braten den letzten Schliff gibt. Das ist das offene Geheimnis des Erfolges von Samuel Beckett und Thomas Bernhard.

Sicherheitskräfte

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.56

Sicherheitskräfte

Je größer die Unsicherheit in einem Land ist, um so sicherer sind die Sicherheitskräfte dort die am kräftigsten sprudelnde Quelle der Unsicherheit, also Unsicherheitskräfte.

Taoismus

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 2.56

Taoismus

Der alte Taoismus ist zumindest in großen Teilen keine geignete Philosophie für junge Leute, sondern eher für unrüstige alte und rüstige, aber antriebsschwache junge Rentner, und deshalb besteht immer die Gefahr, daß er zur Rechtfertigungsideologie einer geriontokratisch organisierten und geprägten Gesellschaft wird.

Mittwoch, 20. Dezember 2006

Tirade 90 – Selbstporträt

Filed under: Lyriost Gedichte — lyriost @ 6.27

Tirade 90 – Selbstporträt

Er malt mit Wolken
er lästert unsren Farben
taucht Licht in Lichter

vertreibt die Fliegernarben
zieht mutig Kitschgesichter

Aufstieg

Filed under: Gedanken — lyriost @ 1.33

Aufstieg

Montag, 23. Oktober 2006

Berlusconi

Filed under: Sonstiges — lyriost @ 10.28

Berlusconi

Wie man sieht, gibt es mindestens einen Menschen außer Berlusconi selbst, der immer noch nicht genau weiß, wie der derzeitige italienische Ministerpräsident heißt. Es kann allerdings auch sein, daß der smarte Silvio jetzt für AOL-Deutschland nebenerwerbstätig ist. Wahrscheinlicher aber ist doch, daß bei AOL bereits der Winterschlaf der Redakteure begonnen und die Sommerlethargie abgelöst hat.

AOL Auto

Dienstag, 10. Oktober 2006

Tat twam asi

Filed under: Lyriost Gedichte — lyriost @ 8.59

Tat twam asi

Hinter den Spiegel
der Griff in die Spinnweben
entstaubtes Gesicht

und ungläubiges Staunen
wenn du dich nicht mehr erkennst

und ungläubiges Staunen
wenn du dich wieder erkennst

und ungläubiges Staunen
wenn du dich wiedererkennst.

Der Weg ist das Ziel

Filed under: Gedanken, Lyriost Gedanken — lyriost @ 8.58

Schnittblumen

»Der Weg ist das Ziel«, sagte der Schnitter, und die Blumen nickten eifrig, nichts ahnend, nicht den Schmerz, nicht den Tod. Sie wußten ja nichts von ihrem Weg zu den Vasen und Mülltonnen.

Schnell warm, schnell kalt

Filed under: Lyriost Gedanken — lyriost @ 8.55

Schnell warm, schnell kalt

Blutstropfen erhitzt
wenn winters Sonne erscheint
in warmen Farben.

Mantel nicht mehr benötigt
für etwa zehn Sekunden.

Hortus conclusus

Filed under: Lyriost Gedichte — lyriost @ 8.53

Hortus conclusus

Meine Gedanken
umhüllt von flüssigem Staub
so zäh wie Honig

und so süß wie Terpentin
von Hermes sanft umschlossen.

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